Mittwoch, 4. Dezember 2019

Sinn.


Der Liebe Zartsinn, 
umarmt mit Irrsinn,  
führt in den Wahnsinn,
trennt von Unsinn,  
umhüllt mit Schönsinn. 

"Sinn". 2019. Ekaterina Koroleva. 

Dienstag, 12. November 2019

Tollhaus dreiundzwanzig.

Lesen, lesen, lesen, 
zittern. 
Warten, warten, halten,  
hoffen. 
Schreiben, schreiben, hoffen, 
warten. 
Freuen, tanzen, fliegen, 
wissen. 
Lieben, lieben, lieben, lieben,  
lieben. 
Küssen, weinen, klagen,  
schweigen. 

Ekaterina Koroleva. "Brutal face sketch". 2019

Dienstag, 29. Oktober 2019

Utopie als Entwurf des Inneren im Spiegelbild der Wirklichkeit

Betrachtet der Mensch Utopie als einen Entwurf der idealen Gesellschaft, kommt er nicht umhin zunächst einmal der Frage nachzugehen, mit welchen Eigenschaften die einzelnen Menschen, die eine solche ideale Gesellschaft bilden sollen, ausgestattet sein müssen. Ferner darf die Utopie kein von dem bereits bekannten Menschen abgetrennter Gesellschaftsentwurf eines völlig neuen Menschen sein, sondern muss als das Ergebnis, folglich als das Ziel eines Evolutionsprozesses des menschlichen Geistes, im Sinne einer Veredelung menschlicher Anlagen schlechthin, betrachtet und entworfen werden. Die höchste Schwierigkeit eines utopischen Gesellschaftsentwurfes liegt doch darin, den Menschen als solchen mit seinen unvollkommenen Anlagen und Schwächen zu berücksichtigen. Die Utopie muss den Menschen demnach nicht völlig neu, sondern in der Logik des Menschseins weiterdenken. Zwei Fragen müssen zuvor geklärt werden: Erstens, ist es notwendig den Menschen in den Entwurf einer Utopie zu integrieren und zweitens, in welcher Form muss er gedacht werden? 
Zur ersten Frage ist zu entgegnen, dass die Konstruktion einer Utopie ohne die Anwesenheit des Menschen zwar einfach wäre, für unseren Zweck, nämlich zu erkennen, zu welcher Güte der Mensch fähig ist, höchst unbrauchbar. Zur zweiten Frage ist zu sagen, dass eine andere Kategorie des Menschen zu denken als diejenige, die aus der Geschichte und der Gegenwart uns bekannt ist, schlicht unmöglich ist, was schlechterdings nicht bedeutet, dass es keine andere Kategorie von Mensch geben kann, sondern dass er unmöglich in einer von dem uns bekannten Menschen, völlig emanzipierten Form, von uns selbst gedacht werden kann, also auch nicht an dieser Stelle. Niemals kann der Mensch sich so weit von sich selbst entgrenzen, dass er einen solchen Entwurf zu Stande bringt und selbst wenn, sprächen wir dann nicht vom Menschen und dieser Text wäre folglich gegenstandslos. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben sich, entsprechend seiner Anlagen und Talente, ungehindert zu entwickeln und an sich, aus dem moralischen Gesetz heraus, zu arbeiten. Ungehindert bedeutet jedoch nicht unbeaufsichtigt, sondern dass die Umgebung, in der er aufwächst, ihn nicht nötigt einer anderen Beschäftigung nachzugehen als derjenigen, nach der sein Wesen trachtet. In einer idealen Gesellschaft hat jeder Mensch zur Entwicklung seines Geistes Zugang zu den Praktiken und zum Wissen, die ihm helfen, sich selbst in der Welt der Erscheinungen, nämlich in der Wirklichkeit, zu realisieren. Der Mensch benötigt hierbei keine permanente Führung, denn diese Entwicklung muss sich frei von äußeren Autoritäten vollziehen und darf nicht durch den subjektiven Willen eines anderen gelenkt werden. Die einzige Autorität, der es gestattet ist, bei der Bildung der geistigen Anlagen in Kraft zu treten, ist die des Menschen selbst. In ihm befinden sich zum einen das autoritäre Ich, zu dem es vorzudringen gilt und das den Menschen entsprechend seiner Anlagen durch die Wirklichkeit führt und zum anderen das einfache Ich, das ebenfalls im Menschen waltet und das fremde Vorstellungen sich selbst aufzudrängen versucht, zu denen er nur begrenzt einen Bezug aufbauen und in Folge dessen diesen nur mäßig gerecht werden kann, weil er nicht seinen eigenen Vorstellungen entsprechend handelt. Gelänge es dem einzelnen Menschen den ausgebildeten edlen und gütigen Geist aus dem Inneren nach Außen zu bringen und damit ein Spiegelbild desselben in der Wirklichkeit zu erzeugen, hätten wir eine ideale Gesellschaft – eine Gesellschaft ohne Hass, Neid, Eifersucht, Hochmut, Trägheit, Hab- und Herrschsucht, bestehend aus Menschen, die sich selbst in ihrem Gegenüber zu erkennen fähig wären. Sie bestünde aus Menschen, die genügsam wären und das Glück in der ständigen Praxis der Aufrechterhaltung und immerwährenden Vervollkommnung des eigenen Geistes wüssten. In einer idealen Gesellschaft lebte der Mensch im Einklang mit der Natur und verstünde sich selbst als einen Teil derselben, ohne im rohen Naturzustand verhaftet zu bleiben. Er reagierte nicht aus dem Mangel, sondern agierte aus dem Überfluss und der Unsterblichkeit heraus. Er wäre genügsam, furchtlos und edelmütig. Mit seinen Mitmenschen, auch denjenigen, die sich auf einer niedrigeren Stufe der Vervollkommnung ihrer Anlagen befänden, wäre er so nachsichtig und gutmütig wie mit Kindern. In einer idealen Gesellschaft lebte der Mensch, ausgehend von einem inneren Frieden, in einem gesamtgesellschaftlichen Frieden und überkäme in der Wirklichkeit jede Form von Dualität. Er lebte in Bescheidenheit, Demut, Glückseligkeit und in Achtung vor anderen Geschöpfen der Natur und vor der Natur selbst. Im Angesicht der Möglichkeiten und der Potenz der Kultivierung bzw. der Veredelung des menschlichen Geistes, der Entdeckung des Göttlichen in sich selbst und dessen Transzendieren in die Wirklichkeit, ist der Mensch näher an der Utopie, im Sinne einer idealen Gesellschaft, als er es zu denken wagt.

"Der Garten der Lüste". Hieronymus Bosch. Fertiggestellt um etwa 1500. 
 


Donnerstag, 17. Oktober 2019

Aleksandr Blok. Wir waren zusammen.

Wir waren zusammen, ich weiß es noch...
Die Nacht war nervös, die Violine sang...
Mir gehörtest du an jenen Tagen,
schöner wurdest du von Stunde zu Stund...

Durch des Stromes leise Rauschen,
der Geliebten rätselhaft Schmunzeln,
bat sich der Kuss auf die Lippen
und der Violinenklang in das Herz...

Übersetzung: Ani Menua.


Мы были вместе, помню я

Мы были вместе, помню я...
Ночь волновалась, скрипка пела...
Ты в эти дни была - моя,
Ты с каждым часом хорошела...

Сквозь тихое журчанье струй,
Сквозь тайну женственной улыбки
К устам просился поцелуй,
Просились в сердце звуки скрипки...

                               1899.

1880-1921


Montag, 23. September 2019

Hamo Sahian. Wir verstehen nicht.


Ich verstehe nicht warum,
du verstehst nicht wie
unsere Träume sich
trafen einst - ohne uns.

Sie trafen sich und
riefen dich und mich.
Ich verstehe nicht wie,
du verstehst nicht warum.

Du verstehst nicht wie,
ich verstehe nicht warum,
gebar den Blumenduft
unserer Seelen Bund.

Ich wurde Du,
Du wurdest Ich.
Ich verstehe nicht wie,
du verstehst nicht warum.

Einten sich zwei Ich,
wurden zu Du und Ich.
Du verstehst nicht wie,
ich verstehe nicht warum.

Uns schonte das Schicksal nicht,
Du wurdest Du, Ich wieder Ich.
Du verstehst nicht warum
und ich verstehe nicht wie.

Und wir trafen einander,
entfernten uns für immer.
Wir verstehen nicht warum,
wir verstehen nicht wie.

Übersetzung: Ani Menua.


ԵՎ ՉԻՄԱՑԱՆՔ, ԹԵ ԻՆՉՈՒ

Ես չիմացա, թե ինչու,
Դու չիմացար, թե ինչպես
Պատահեցին մեկ-մեկու
Մեր երազներն - առանց մեզ:

Պատահեցին մեկ-մեկու
Ու կանչեցին ինձ ու քեզ,
Ես չիմացա, թե ինչպես,
Դու չիմացար, թե ինչու:

Դու չիմացար, թե ինչպես,
Ես չիմացա, թե ինչու
Բուրմունք փռեց ծաղկի պես
Դաշնությունը մեր հոգու:

Ես էությամբ դարձա դու, 
Դու էությամբ դարձար ես,
Ես չիմացա, թե ինչպես,
Դու չիմացար, թե ինչու:

Խառնվեցին երկու “ես”
Ու դարձան մեկ՝ “ես ու դու”,
Դու չիմացար, թե ինչպես,
Ես չիմացա, թե ինչու:

Բայց չներեց բախտը մեզ,           
Ես դարձա ես, դու էլ՝ դու,
Դու չիմացար, թե ինչու,
Ես չիմացա, թե ինչպես:

Ու բախվեցինք մեկ-մեկու,                      
Ու հեռացանք մշտապես,
Եվ չիմացանք, թե ինչու,
Եվ չիմացանք, թե ինչպես:

1914-1993.



Montag, 15. Juli 2019

KOMITAS. Der Weg.

Die schmale Gerade kriechend,
Unter dem Fuße zitternd,
Am Ende des Weges erblüht ist
Der Baum des Lebens strahlend.

Über welch ein großes Herz 
verfügt der Weg des Geistes...
Des Menschen, Gewächses, Wildes
und des geflügelten Vogels.

Übersetzung: Ani Menua.


Ճանապարհ
Բարակ ուղին սողալով,
Ոտի տակին դողալով,
Ճամփի ծայրին բուսել է
Կյանքի ծառը շողալով։

Ի՜նչ լայն սիրտ է, որ ունի
Այս ճանապարհն Անհունի․․․
Մարդու, բույսի, գազանի
Եվ թևավոր թռչունի։



Eprem Savaian: Komitas (1869-1935).

Donnerstag, 23. Mai 2019

Sonne.

Die Haut,
durch die ich atme.
Die Wärme,
die Seelenqual bezwingt,
lässt erwachen sanft,
mit ihrem Lichte streichelnd.

Geht sie unter am Abend,
kommt zurück der Kummer  –
er erschlägt und betäubt
mit Schmerz und Leid,
er foltert und tritt
bis die Sonne ihn
vertreibt in die Nacht.

Tanze das Leben:
auf einem Seile,
gespannt zwischen zwei Felsen,
wiegend Schmerz und Glück -
das alles ewiglich in Freiheit.


Hilma af Klint 1862-1944