Freitag, 22. Mai 2020

Gegham Sarian. Mein Tabak.

Mein Tabak, du verbrennst, brennst von selbst, wie ich,
Du lächelst, gähnst, rauchst, wie ich,
Unbeschwert und nachdenklich wirst du zur Asche, wie ich,
Mein Tabak, du verbrennst, brennst von selbst, wie ich.

Verbrennt das Streichholz deine Lippen, errötest du, wie ich,
Die Gedanken reiche ich dem Wind, dir – mein Herz,
Du schwindest in dem Rauch, in den Gedanken – ich,
Mein Tabak, du verbrennst, brennst von selbst, wie ich.

Du errötest, wenn ich ziehe die Ruhe aus dir, 
Wie ich, wenn Menschen sie aus mir ziehen,
Abermals wirst du trauern und altern, wie ich, siehe,
Wie du vergehst, wirst zur Asche, wie ich, wie ich.

Übersetzung: Ani Menua.

 ***

Ծխախոտս, այրվում ես, վառվում ես ինքդ քեզ, ինչպես ես
Ժպտում ես , հորանջում ես, ծխում ես, ինչպես ես
Անտրտունջ ու խոհուն շիկանում, մոխրանում ես լռիկ
Ծխախոտս, այրվում ես, վառվում ես ինքդ քեզ, ինչպես ես

Լուցկին շուրթերըդ վառեց, շիկնեցիր, ինչպես ես
Որ խոհերս քամուն եմ տըվել ու տխուր սիրտս քեզ
Դու ծխիդ ոլորտների, ես մտքերիս մեջ եմ մոլորված
Ծխախոտս, այրվում ես, վառվում ես ինքդ քեզ, ինչպես ես

Դու շիկնում ես, երբ քեզնից սփոփանք եմ ծծում ես
Ինչպես ես, երբ ինձնից ուրիշներն են ուզում այդ
Սակայն կրկին մռայլվում ես, ծերանում ես, ինձ պես, տե'ս
Ու խամրում ես, մոխրանում ես, ինչպես ես, ինչպես ես... 

1902-1976


Donnerstag, 26. März 2020

Stich für Stich.


Nimm eine Nadel
und
schwarzes Garn
zur Hand
und
führe sie zusammen.

Die zwei Seiten
vereine miteinander –
vorsichtig und behutsam,
geduldig und langsam.

Zittert deine Hand,
lege die Nadel ab,
atme ein und aus.

Kullern dir die Tränen
die Wangen hinunter,
entlang an deinem Hals,
tief in deine Brust,
halte an – Perlen perlen
nicht ewig in deiner Seel.

Nimm die Nadel
wieder zur Hand,
lege die Seiten achtsam
übereinander,
stecke sie vorsichtig ein
und führe sie mit dem Garn
durch beide Seiten hindurch
und flicke das zusammen,
was du nennst dein Herz.


Ekaterina Koroleva. 2019.



Freitag, 7. Februar 2020

Alexander Blok. Des Wahnsinns.


O, des Wahnsinns will ich sein:
Seiendes verewigen,
Lebloses vermenschlichen,
Nichterfülltes verwirklichen!

Wenn mich erwürgt der schwere Traum,
wenn ich ersticke in jenem Traum,
Vielleicht wird fröhlich der Jüngling
einst künftig sagen über mich:

Ihm sei verziehen die Düsterkeit –
Dessen Geheimkraft war sie nicht.
Er - des Guten, ja des Lichtes Kind,
Er - all der Freiheit Sieg.

Übersetzung: Ani Menua.


***

О, я хочу безумно жить:
Всё сущее - увековечить,
Безличное - вочеловечить,
Несбывшееся - воплотить!

Пусть душит жизни сон тяжелый,
Пусть задыхаюсь в этом сне,-
Быть может, юноша весёлый
В грядущем скажет обо мне:

Простим угрюмство - разве это
Сокрытый двигатель его?
Он весь - дитя добра и света,
Он весь - свободы торжество!

1914

1880-1921


Mittwoch, 4. Dezember 2019

Sinn.


Der Liebe Zartsinn, 
umarmt mit Irrsinn,  
führt in den Wahnsinn,
trennt von Unsinn,  
umhüllt mit Schönsinn. 

"Sinn". 2019. Ekaterina Koroleva. 

Dienstag, 12. November 2019

Tollhaus dreiundzwanzig.

Lesen, lesen, lesen, 
zittern. 
Warten, warten, halten,  
hoffen. 
Schreiben, schreiben, hoffen, 
warten. 
Freuen, tanzen, fliegen, 
wissen. 
Lieben, lieben, lieben, lieben,  
lieben. 
Küssen, weinen, klagen,  
schweigen. 

Ekaterina Koroleva. "Brutal face sketch". 2019

Dienstag, 29. Oktober 2019

Utopie als Entwurf des Inneren im Spiegelbild der Wirklichkeit

Betrachtet der Mensch Utopie als einen Entwurf der idealen Gesellschaft, kommt er nicht umhin zunächst einmal der Frage nachzugehen, mit welchen Eigenschaften die einzelnen Menschen, die eine solche ideale Gesellschaft bilden sollen, ausgestattet sein müssen. Ferner darf die Utopie kein von dem bereits bekannten Menschen abgetrennter Gesellschaftsentwurf eines völlig neuen Menschen sein, sondern muss als das Ergebnis, folglich als das Ziel eines Evolutionsprozesses des menschlichen Geistes, im Sinne einer Veredelung menschlicher Anlagen schlechthin, betrachtet und entworfen werden. Die höchste Schwierigkeit eines utopischen Gesellschaftsentwurfes liegt doch darin, den Menschen als solchen mit seinen unvollkommenen Anlagen und Schwächen zu berücksichtigen. Die Utopie muss den Menschen demnach nicht völlig neu, sondern in der Logik des Menschseins weiterdenken. Zwei Fragen müssen zuvor geklärt werden: Erstens, ist es notwendig den Menschen in den Entwurf einer Utopie zu integrieren und zweitens, in welcher Form muss er gedacht werden? 
Zur ersten Frage ist zu entgegnen, dass die Konstruktion einer Utopie ohne die Anwesenheit des Menschen zwar einfach wäre, für unseren Zweck, nämlich zu erkennen, zu welcher Güte der Mensch fähig ist, höchst unbrauchbar. Zur zweiten Frage ist zu sagen, dass eine andere Kategorie des Menschen zu denken als diejenige, die aus der Geschichte und der Gegenwart uns bekannt ist, schlicht unmöglich ist, was schlechterdings nicht bedeutet, dass es keine andere Kategorie von Mensch geben kann, sondern dass er unmöglich in einer von dem uns bekannten Menschen, völlig emanzipierten Form, von uns selbst gedacht werden kann, also auch nicht an dieser Stelle. Niemals kann der Mensch sich so weit von sich selbst entgrenzen, dass er einen solchen Entwurf zu Stande bringt und selbst wenn, sprächen wir dann nicht vom Menschen und dieser Text wäre folglich gegenstandslos. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben sich, entsprechend seiner Anlagen und Talente, ungehindert zu entwickeln und an sich, aus dem moralischen Gesetz heraus, zu arbeiten. Ungehindert bedeutet jedoch nicht unbeaufsichtigt, sondern dass die Umgebung, in der er aufwächst, ihn nicht nötigt einer anderen Beschäftigung nachzugehen als derjenigen, nach der sein Wesen trachtet. In einer idealen Gesellschaft hat jeder Mensch zur Entwicklung seines Geistes Zugang zu den Praktiken und zum Wissen, die ihm helfen, sich selbst in der Welt der Erscheinungen, nämlich in der Wirklichkeit, zu realisieren. Der Mensch benötigt hierbei keine permanente Führung, denn diese Entwicklung muss sich frei von äußeren Autoritäten vollziehen und darf nicht durch den subjektiven Willen eines anderen gelenkt werden. Die einzige Autorität, der es gestattet ist, bei der Bildung der geistigen Anlagen in Kraft zu treten, ist die des Menschen selbst. In ihm befinden sich zum einen das autoritäre Ich, zu dem es vorzudringen gilt und das den Menschen entsprechend seiner Anlagen durch die Wirklichkeit führt und zum anderen das einfache Ich, das ebenfalls im Menschen waltet und das fremde Vorstellungen sich selbst aufzudrängen versucht, zu denen er nur begrenzt einen Bezug aufbauen und in Folge dessen diesen nur mäßig gerecht werden kann, weil er nicht seinen eigenen Vorstellungen entsprechend handelt. Gelänge es dem einzelnen Menschen den ausgebildeten edlen und gütigen Geist aus dem Inneren nach Außen zu bringen und damit ein Spiegelbild desselben in der Wirklichkeit zu erzeugen, hätten wir eine ideale Gesellschaft – eine Gesellschaft ohne Hass, Neid, Eifersucht, Hochmut, Trägheit, Hab- und Herrschsucht, bestehend aus Menschen, die sich selbst in ihrem Gegenüber zu erkennen fähig wären. Sie bestünde aus Menschen, die genügsam wären und das Glück in der ständigen Praxis der Aufrechterhaltung und immerwährenden Vervollkommnung des eigenen Geistes wüssten. In einer idealen Gesellschaft lebte der Mensch im Einklang mit der Natur und verstünde sich selbst als einen Teil derselben, ohne im rohen Naturzustand verhaftet zu bleiben. Er reagierte nicht aus dem Mangel, sondern agierte aus dem Überfluss und der Unsterblichkeit heraus. Er wäre genügsam, furchtlos und edelmütig. Mit seinen Mitmenschen, auch denjenigen, die sich auf einer niedrigeren Stufe der Vervollkommnung ihrer Anlagen befänden, wäre er so nachsichtig und gutmütig wie mit Kindern. In einer idealen Gesellschaft lebte der Mensch, ausgehend von einem inneren Frieden, in einem gesamtgesellschaftlichen Frieden und überkäme in der Wirklichkeit jede Form von Dualität. Er lebte in Bescheidenheit, Demut, Glückseligkeit und in Achtung vor anderen Geschöpfen der Natur und vor der Natur selbst. Im Angesicht der Möglichkeiten und der Potenz der Kultivierung bzw. der Veredelung des menschlichen Geistes, der Entdeckung des Göttlichen in sich selbst und dessen Transzendieren in die Wirklichkeit, ist der Mensch näher an der Utopie, im Sinne einer idealen Gesellschaft, als er es zu denken wagt.

"Der Garten der Lüste". Hieronymus Bosch. Fertiggestellt um etwa 1500. 
 


Donnerstag, 17. Oktober 2019

Aleksandr Blok. Wir waren zusammen.

Wir waren zusammen, ich weiß es noch...
Die Nacht war nervös, die Violine sang...
Mir gehörtest du an jenen Tagen,
schöner wurdest du von Stunde zu Stund...

Durch des Stromes leise Rauschen,
der Geliebten rätselhaft Schmunzeln,
bat sich der Kuss auf die Lippen
und der Violinenklang in das Herz...

Übersetzung: Ani Menua.


Мы были вместе, помню я

Мы были вместе, помню я...
Ночь волновалась, скрипка пела...
Ты в эти дни была - моя,
Ты с каждым часом хорошела...

Сквозь тихое журчанье струй,
Сквозь тайну женственной улыбки
К устам просился поцелуй,
Просились в сердце звуки скрипки...

                               1899.

1880-1921